Interviewreihe mit Dr. Caroline Richter (1. Teil)

Ein „wilder“ Werdegang

Junge Forschende an der Uni? Die haben ihre Karriere vorausgeplant und ihr Ziel fest im Blick. Denkste! Statt nur geradeaus hat Dr. Caroline Richter viel nach rechts und links geschaut. Sie kam aus der Praxis in die Wissenschaft – hat die Praxis dabei aber nie ganz losgelassen. Auf ihrem Weg zur Habilitation besucht sie nicht nur Kongresse und isst dabei Kekse, wie ihre kleine Tochter denkt, sondern beschäftigt sich mit Bildung, Entwicklung sowie sozialer Teilhabe und einem Drittmittelprojekt zum Thema Schule und Schulsozialarbeit.
In einer kleinen Interviewreihe stellen wir die 42-jährige Wissenschaftlerin am Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) vor.

Frau Dr. Richter, sind Sie eine „Junge Wilde“?

Aus altehrwürdiger Sicht einer Uni bin ich vermutlich eine, weil ich erst nach sechs Jahren Arbeit in der so genannten Praxis in die Wissenschaft gegangen bin und mein akademisches Alter damit als recht jung gilt. Durch die Verortung im Mittelbau gehöre ich sogar noch zum wissenschaftlichen Nachwuchs, auch wenn ich vom Lebensalter her sicherlich nicht mehr jung bin.


Zur „Wilden“ macht mich sicher, dass ich noch nicht mal an der Uni studiert habe. Ich habe zwar dort nach dem Abitur begonnen, bin aber nach einem Jahr an die Fachhochschule gewechselt, um dort Sozialarbeit und Sozialpädagogik zu studieren. Anfang der 2000er habe ich dann mein erstes Studium mit Doppeldiplom abgeschlossen und anschließend einen der ersten Masterstudiengänge absolviert. Den klassischen Weg als Studierende, dann studentische und wissenschaftliche Hilfskraft, Doktorand:in, schließlich wissenschaftliche Mitarbeiter:in hatte ich ehrlich gesagt nicht mal vor Augen, geschweige denn war mir klar, wie wissenschaftliche Werdegänge überhaupt aussehen.

Mein Lebenslauf ist für Uni-Verhältnisse leider noch immer eher ungewöhnlich. Ein früherer Kollege nannte das mal einen „unreinen Werdegang“, ich finde, mit einem „wilden Werdegang“ ist das deutlich angemessener betitelt. Ich freue mich, dass in den letzten Jahren die Vielfalt an und in der Wissenschaft zunimmt!

Ihr „wilder Werdegang“ hat Sie früh in die Praxis geführt. Wie sind Sie dahin gekommen, wo Sie jetzt sind?

Nach dem Abitur Ende der 1990er-Jahre habe ich zunächst Sozialwissenschaften studiert und noch im ersten Semester gemerkt, dass das damals vertretene Wissenschafts- und Selbstverständnis ganz und gar nicht zu mir passte. Ich wollte nicht nur neutral beobachten und mit analytischer Distanz über Befunde berichten, um dann ein Projekt zu beenden. Vielmehr wollte ich die Befunde weiterdenken, daraus Empfehlungen und nächste Schritte ableiten und auch umsetzen. Außerdem war ich ratlos, wie ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen sollte. Da war das Studium Sozialer Arbeit insgesamt viel anschlussfähiger.

Deshalb habe ich parallel zum zweiten Semester ein Vorpraktikum in einem Kindergarten absolviert. Parallel zum anschließenden Berufsanerkennungsjahr in der Psychiatrie und dem Berufseinstieg als Projektmitarbeiterin in der Arbeits- und Beschäftigungsförderung habe ich ein FH-Masterstudium mit Schwerpunkt auf rechtliche Beratung und psychosoziale Begleitung absolviert, dann eine nebenberufliche Tätigkeit als Rehabilitationskoordinatorin aufgenommen und einfach immer mehrere Dinge gleichzeitig gemacht.

Und warum dann die Forschung?

Ich war Stipendiatin am Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds und konnte dadurch etliche ideelle Fortbildungsangebote besuchen. Dabei habe ich erlebt und schätzen gelernt, mit honorigen Fachleuten wertungsfreier und interdisziplinär an fachübergreifenden Themen zu arbeiten. Da wurde erstmals mein Hunger nach Ausprobieren und Weiterentwickeln mit dem Arbeitsprofil Forschung verbunden.

Einige Jahre und Arbeitgeber später ergab sich zufällig die Möglichkeit, in einem Forschungsprojekt an der RUB zum Thema Arbeitsassistenz mitzuwirken. Dabei entdeckte ich das Thema Arbeit als Forschungsgegenstand, blieb elf Jahre in Bochum und durfte dank ausgesprochen engagierter Unterstützer: innen im Fach Soziologie promovieren, ohne dies ja jemals explizit studiert zu haben.

Seit 2018 habilitiere ich an der UDE, genauer: am Institut Arbeit und Qualifikation IAQ, und kann dabei alle Themen, die mir bislang begegnet sind, ver- und einbinden. Ein echter Luxus, bei dem sich der bunte Werdegang als total produktiv auszahlt! Am IAQ habe ich mit der wissenschaftlichen Politikberatung wieder eine neue Facette kennenlernen können und mich direkt als Mitglied der Sachverständigenkommission für den Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung einbringen dürfen. Wieder etwas ganz Neues, Spannendes und Inspirierendes, das so nur in der Forschung geht!

Würden Sie den Weg noch mal so gehen?

Mein Weg war weder beabsichtigt noch geplant. Die Ansage meiner alleinerziehenden und von Behinderung und Erkrankung massiv gezeichneten Mutter – „Du musst alles tun, um Dich möglichst schnell alleine zu ernähren!“ – war sehr ehrlich und für mich nachvollziehbar. Der „klassische“ akademische Weg wäre keine Option gewesen, weil viel zu abstrakt und unsicher.

In der Praxis war ich aber viel zu ungeduldig und konnte institutionelle Vorgaben und fachliche Grenzen nicht gut ertragen. Ich bin glücklich, diesen Weg gefunden zu haben und ihn beschreiten zu können.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Erstmal gilt es, die Habilitation zu schaffen. Die verkürzte und oft kurzfristig wegfallende Kita-Betreuung jetzt in diesen Zeiten belastet leider die Ressourcen für die Forschungsarbeit.

Wie es dann weitergeht, weiß ich momentan nicht, aber das wird sich ergeben. Drei Freundinnen haben ihre Positionen in der freien Wirtschaft letztes Jahr gekündigt: Sie hatten monatelang vergeblich versucht, Homeoffice, Familie und Selbstsorge zu vereinbaren. Am Ende waren sie in allen Bereichen unzufrieden. Ich habe am IAQ riesiges Glück. Mir wird speziell in unserer Abteilung mit vielen Müttern kleiner Kinder jedwede Unterstützung zuteil, die ich mir nur wünschen kann. Das ist ein echter Luxus.

Die Fragen stellte Cathrin Becker.
Stand: 6/2021

Ein „wilder“ Werdegang

Zum ersten Teil der Interviewreihe

Erst arbeiten, dann ausflippen

Zum zweiten Teil der Interviewreihe

„Vielfalt ist für mich Realität.“

Zum dritten Teil der Interviewreihe