Interviewreihe mit Dr. Caroline Richter (2. Teil)

Erst arbeiten, dann ausflippen

Arbeitswissenschaftlerin Caroline Richter kennt sich mit Theorie und Praxis aus – sowohl beruflich als auch privat. Denn die 42-Jährige teilt sich gerade das Homeoffice mit ihrem Vorschulkind. Wie das kindliche Berufswünsche beeinflusst und wie man auch mit Kind Karriere machen kann, erzählt Caroline Richter im Interview.

Frau Dr. Richter, wie ist es wirklich, als Wissenschaftlerin Kind und Karriere zu vereinbaren?

Schon schwierig. Meine Doktorarbeit habe ich binnen sechs Monaten mit Säugling geschrieben, weil es durch einen Wechsel im Personaldezernat zu einer neuen Auslegung in Sachen Wissenschaftszeitvertragsgesetz gekommen war und ich sonst nach einem halben Jahr die Uni hätte verlassen müssen.

Erschwerend kam hinzu: Die Promotionsordnung an der RUB sieht eine strukturierte Promotion vor. Es gilt also, flankierend Seminare zu besuchen. Dies finde ich im Grundsatz sehr gut und richtig, aber mit Säugling gestaltete sich dies schwieriger als erwartet. Es war gar nicht so leicht, ein Seminar zu finden, das ich mit Baby absolvieren durfte. Dankenswerterweise hat mir die Geschlechterforscherin Professorin Katja Sabisch mit viel Aufgeschlossenheit, Humor und Lösungsorientierung den Zugang zu Seminar und Prüfung ermöglicht.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen denke ich immer wieder über Fragen des Werdens und Emanzipierens als Wissenschaftler im Allgemeinen und als WissenschaftlerIN im Speziellen nach. Vor einigen Jahren arbeitete ich an einem Projekt, in dem es um Vertrauen und wissenschaftlichen Nachwuchs ging. Ich habe dafür mit vielen etablierten und auch jungen Professor: innen gesprochen und auch mit Vertreter: innen von Förderinstitutionen. Die Erfolgsgeschichten und beeindruckenden Biografien, aber auch die vielfältigen Restriktionen, Widerstände und Ausschlüsse haben meinen Blick auf die Welt der Wissenschaft, die Organisation, das Selbstverständnis und die formalisierten, vor allem aber auch die informellen Spielregeln geprägt.

Ganz persönlich frage ich mich manchmal, ob meinen männlichen Kollegen auch schon so oft und immer wieder aufgezeigt wird, was „die Uni“ alles für sie geleistet hat oder leistet. Oder ob sie häufiger gesagt bekommen, was sie für „die Uni“ leisten. Über die Anerkennung von Leistungen im Mittelbau könnten wir lange sprechen.

Sie haben eine kleine Tochter. Wie erklären Sie ihr Ihren Job?

Erklären brauche ich nicht viel, sie ist ja immer wieder mit dabei. Meine Tochter war zum ersten Mal mit sechs Monaten im Hörsaal und begleitet mich seither auch weiterhin zu Seminaren und Vorträgen. Ohne Großeltern oder andere flexible Unterstützung, die ich einfach nicht habe, geht es immer wieder gar nicht anders. Im Alter von drei und vier Jahren hat sie auf Nachfragen zu meinem Job gesagt: „Meine Mama hat einen Beruf, da isst sie vor allem Kekse“, wegen des Gebäckangebots bei Konferenzen. Wissenschaft als Gebäckverköstigung – Kindergedanken sind einfach herrlich!

Nach einem Jahr pandemiebedingtem Homeoffice weiß mein Kind aber auch um die viele Schreibarbeit und die endlos langen Videokonferenzen. Das Thema Genuss bleibt für sie aber mit der Arbeit verbunden, wir arbeiten im Homeoffice nämlich nach dem Motto „Work hard, play hard“ – erst konzentriert arbeiten, z.B. Vorschulübungen, Schleife binden und die Uhr lernen, und dann verdienterweise ausflippen, mit lauter Musik, Fernsehen und natürlich Keksen.

Forschung und Wissenschaft passen einfach gut zum kindlichen Entdecken, Ausprobieren und Lernen. Grundsätzlich sind Forschen, Argumentieren und Fragen für meine Tochter interessant. Sie möchte – Stand heute, also unbedingt noch vielfacher Änderung unterworfen – auch in die Forschung. Allerdings in die eher gerätegebundenen Disziplinen, wegen der spannenden praktischen Experimente.

Die Fragen stellte Cathrin Becker.
Stand: 6/2021

Ein „wilder“ Werdegang

Zum ersten Teil der Interviewreihe

Erst arbeiten, dann ausflippen

Zum zweiten Teil der Interviewreihe

„Vielfalt ist für mich Realität.“

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