Porträt von Dr. Stéphane Kenmoe

Afrikas Very Important Physicist
von Birte Vierjahn

Er tritt regelmäßig im Fernsehen seiner Heimat auf, Passanten auf den Straßen Kameruns erkennen ihn, das Fachmagazin Nature stellt ihn persönlich vor. Wer ist dieser Dr. Stéphane Kenmoe?

Stromausfälle kommen oft vor in Kamerun. Aber da ist diese eine Bar, die irgendwie immer Strom hat. Wo es ein Freigetränk gibt, wenn man die Toilette nutzt. Und richtig, der Besitzer ist ein Fuchs: Er lässt spezielle Bakterien für sich arbeiten, die Urin umsetzen und dabei ganz nebenbei Elektronen – Strom – abgeben.

Das ist grob umrissen die Handlung der ersten Folge von Science in the City, der Serie aus der Feder des Theoretischen Physikers Dr. Stéphane Kenmoe, die ab April im afrikanischen Fernsehen laufen wird. Sie beruht auf seinem Buch „La science illumine Ndjocka-City“ (etwa: Wissenschaft erleuchtet Ndjocka-City) und … sagen wir es so: Theoretische Physiker sind nicht erst seit dem Erfolg der amerikanischen Sitcom The Big Bang Theory kaum für Fingerspitzengefühl oder leicht verständliche Wissensvermittlung bekannt.

Aber Kenmoe entspricht so gar nicht dem Sheldon-Cooper-Klischee. Seine Serie mischt in 26 Episoden Humor mit Aha-Effekten. Die Akteure sind die schauspielerische Crème de la Crème Kameruns. „Eine Revolution im afrikanischen Fernsehen“ nennt es der Hauptdarsteller. „Stimmt“, bestätigt der UDE-Forscher selbst. „Wissenschaft kommt bisher in meiner Heimat im öffentlichen Leben so gut wie nicht vor. Wir haben großartige Forscher, aber keine Wissenschaftskultur.“

Kenmoe wählt seine Worte mit Bedacht. Man merkt, er liebt sein Land, will nicht zu kritisch auftreten. Aber doch möchte er etwas verändern.

Mehr als nur „arbeiten, um zu leben“

Der heute 35-Jährige studierte in Kamerun Physik und schloss seinen Master als Jahrgangsbester ab. Seine Leistungen sicherten ihm einen der hart umkämpften Plätze am International Centre for Theoretical Physics im italienischen Triest. Dort können sich Nachwuchswissenschaftler aus Schwellenländern für die Forschung auf internationalem Niveau qualifizieren. „Es hat mir den fachlichen Hintergrund und den entscheidenden Kick im Lebenslauf verliehen, um mich erfolgversprechend weiterzubewerben.“

So verließ er im Winter 2011 die Adria Richtung Rhein und wurde Doktorand am Max-Planck-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf. Schon mit diesem Karriereschritt war Kenmoe eine Ausnahme von der kamerunischen Regel, erzählt er: „Die meisten Menschen sind arm. Wenn man überhaupt studiert, dann um Lehrer zu werden, Arzt oder Ingenieur. Etwas Praktisches zum Geldverdienen.“

Auch er hörte mitunter „Jetzt hast du endlich genug studiert!“, aber mit einer Ärztin als Tante und Uni-Professoren im weiteren Verwandtenkreis wurde er letztlich doch unterstützt. Und so wählte er für seine weitere Karriere kein Land aus, sondern eine Reputation: „Max-Planck-Institut, Leibniz-Gemeinschaft, Helmholtz-Zentrum. Für Deutsche sind das alltägliche Einrichtungen. Aber ein afrikanischer Wissenschaftler bekommt große Augen bei diesen Namen. Für uns bedeuten sie Exzellenz.“

Tage mit mehr als 24 Stunden?

Kenmoe, mittlerweile verheiratet und Vater zweier Kinder, ist längst etablierter Wissenschaftler in der Arbeitsgruppe von Professor Eckhard Spohr. Indem er – vermutlich – den Schlaf abgeschafft hat, hält er zudem Vorträge an afrikanischen Universitäten, ist regelmäßig Gast bei Radio France International sowie im kamerunischen Fernsehen und lässt gerade sein Erstlingswerk verfilmen. Er ist Vorstandsmitglied der African Physical Society, hat gerade einen internationalen Work­shop zu Theoretischer und Computer Physik in Kamerun geleitet und organisiert derzeit die erste Konferenz für afrikanische Nachwuchswissenschaftler*innen in Nordamerika mit.

stephane-kenmoe-750-1000„Bing!“ – schon geht die nächste Nachricht auf seinem Smartphone ein, das während unseres Interviews kaum einmal eine Minute ruhig bleibt. Auch wandert Kenmoes Blick immer wieder zum Bildschirm seines Laptops: Eine neue Mail? Ein Google-Alert? Kommunikator zu sein, ist ein anstrengender Job.

Und da ist ja auch noch die Wissenschaft: An der UDE beschäftigt er sich mit photokatalytischer Wasserspaltung: Mit Sonnenenergie wird H2O in Wasserstoff und Sauerstoff aufgetrennt. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit verschiedenen Katalysatormaterialien, Kenmoe fügt die nötige Prise Realität hinzu: Wie reagiert das sorgsam im Labor konzipierte Material, wenn es tatsächlich von einer Schicht Wasser bedeckt wird?

Ein Luxus: Versuch und Irrtum

Dabei ist der Kameruner mit Leib und Seele Theoretiker, sein Laborequipment besteht aus einem schnellen Rechner und viel Arbeitsspeicher. Aber das ist für ihn keinerlei Widerspruch zu angewandter Forschung; im Gegenteil: „Wir Theoretiker können Reaktionen ein- oder ausschalten und untersuchen, welche Auswirkungen die einzelnen Faktoren auf das große Ganze haben. Auf atomarer Ebene.“

Die Zusammenarbeit mit den experimentell arbeitenden Kollegen beschreibt er mit einem sehr afrikanischen Bild: „Zwei Menschen wollen einen Brunnen graben. Der Experimentalphysiker ist gut darin, den Brunnen auszuheben. Der Theoretiker hingegen kann ihm sagen, wo genau er graben soll, damit er nicht nach zwei Metern auf Stein stößt.“

Wissenschaft auf Basis von Bits und Bytes, das ist für den 35-Jährigen der Schlüssel zu Afrikas Zukunft. Denn Experimente sind teuer. „Und wer kein Geld hat, kann sich den Luxus nicht leisten, einfach auszuprobieren.“ Computer­gestützte Wissenschaft hingegen kann vielversprechende Pfade sowie Sackgassen vorhersagen, und das ganze Labor findet auf einem Schreibtisch Platz. Zur Not auch mal auf dem Schoß.

Die theoretischen Wissenschaften würden seinem Heimatland auch das nötige Know-how verleihen, die eigenen Bodenschätze besser zu nutzen, meint Kenmoe. „Zum Beispiel hat Kamerun so ziemlich alle vielversprechenden Rohstoffe für gutes Katalysatormaterial.“

Moment! Sein Forschungsgebiet ist die Wasserspaltung durch Sonnenlicht, Kamerun liegt in der tropischen Zone. Feuchtigkeit und Sonne liefert die Natur unausgesetzt frei Haus. „Ich arbeite an der idealen Technologie für mein Land“, fasst Kenmoe zusammen, lehnt sich dabei zurück und breitet die Arme aus. Und alles andere macht er ja nur nebenbei.

Der Artikel erschien zuerst im Campus:Report (Ausgabe 1/2020)
Stand: 6/2021

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